#TakeTheExit – Guerilla at it’s best

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Als grundlegend neugieriger Mensch halte ich immer Ausschau nach neuem Input, nach Artikeln und Büchern, die meinen Wissensdurst zumindest für den Moment stillen. Dabei sind t3n, Gründerszene oder Horizont nur einige wenige Quellen, die ich täglich anzapfe. Mein Feedly ist gefüllt mit Artikeln über diverse Themen, von Blockchain über Marketing bis zu Entrepreneurship oder DYI Projekten. Heute bin ich auf #TakeTheExit gestoßen. Nicht ganz neu, aber doch sehr interessant, vor allem aus Marketingperspektive. Denn die mysteriöse Kampagne sorgt mit Plakaten und Guerilla Aktionen in Berlin für Aufsehen. Bisher weiß jedoch keiner, wer dahinter steckt.

Folgt man der Kampagne auf die plakative, englischsprachige Webseite taketheexit.de, wird das Rätsel weitergesponnen und keineswegs gelöst. Der Content der Seite lässt, nicht zuletzt durch die Fragen “Your so called innovation lab sucks? What’s your exit strategy?”, darauf schließen, dass es sich bei der Kampagne um eine ausgeklügelte Recruitingstrategie handelt, mit der ein Unternehmen Mitarbeiter aus der Tech-Branche abzuwerben versucht. Ein Countdown zählt die Zeit bis zum 9. April 2018 herunter, an dem vermutlich irgendetwas passiert. Natürlich kann man sich zu einem Newsletter anmelden, um die Lösung des Rätsels so schnell wie möglich zu bekommen.

Thank you very much for the Clichés

Die Comic-Videos auf der Seite nehmen die Hipster-Start-up-Klischees auf und stellen sie in Frage. Dabei werden sie so übertrieben dargestellt, dass es auch Kritik an der Kampagne für die Überzeichnung der Realität gab. Aber: Es sind eben Klischees und es soll provoziert werden, natürlich werden sie übertrieben dargestellt. Das heißt nicht, dass jeder Coworking Space so vollkommen überlaufen ist, dass es unmöglich ist, dort zu arbeiten (Want to hang out in coworking spaces or have space to work?), dass jeder Happiness Officer nur Quatsch und fake happiness verbreitet (Want to have a funny workplace or a fun place to work?) oder dass in Kick-Off Meetings Leute beim Kicker Spielen verheizt werden (Want to get kicked around the office or kick-start your career?). Die Videos zu Bug Fixing (Want to fix small or think big?) und Change Request (Want to change your code or change your life?) zielen auf die gehassten Begriffe, die vermutlich kein Entwickler mehr hören kann.

CTRL+Q – Quit and shop while you’re at it

Ein meiner Meinung nach gelungenes Gimmick ist der Kündigungsgenerator, mit dem man sich je nach gewünschter Dramaturgie des Abgangs eine Textvorlage erstellen kann – niemals ohne noch einmal den schlechten Kaffee zu kommentieren. An dieser Stelle folgt ein Shop für Menschen, die bereits innerlich gekündigt haben, was – wenn man den Zahlen auf der Seite glaube schenken kann – einige sind: 8 von 10 “Ventures” (das Wort Start-up taucht nicht auf) überleben anscheinend ihr erstes Jahr nicht, die durchschnittliche Arbeitswoche in einem solchen Unternehmen beträgt 65 Stunden und 55% aller Entwickler fühlen sich extrem unterbezahlt. Die Zielgruppe der frustrierten Entwickler und anderer Mitarbeiter der Tech-Branche scheint also recht groß zu sein. Kombiniert mit dem Hype um die mysteriöse Seite ist also der Shop gar keine schlechte Idee.

Who is the mysterious puppet master?

Vermutlich kein weiteres Start-up und keine Aktivisten, die gegen die verlotternde Start-up-Kultur protestieren wollen. Ich tippe auf eine größere Firma, die offensichtlich ihr Entwickler-Team vergrößern möchte und dafür ordentlich Geld in die Hand nehmen kann, denn zum einen benötigt man für die ganzen Plakate ganz schön viel Budget, und zum anderen deutet der Hinweis auf die unterbezahlten Entwickler, darauf hin, dass dieses Unternehmen bessere Gehälter bezahlen kann.

Conclusion

Vor allem aus Marketingsicht eine gelungene Kampagne, die in der Branche und in der Start-up-Stadt Berlin für ordentlich Aufmerksamkeit sorgt. Besonders die Zielgruppe der Entwickler, die zur Zeit vermutlich am wenigsten Schwierigkeiten haben wird, einen neuen Job zu finden und quasi von Recruitern belagert wird, wird so auf eine originelle Art angesprochen. Meiner Meinung nach erfolgversprechend – auch wenn sich die meisten der Webseitenbesucher nur aus Neugier zum Newsletter anmelden sollten. Bleibt nur zu hoffen, dass der mysteriöse potentielle Arbeitgeber seine Versprechen hält und die erreichte Bekanntheit für ordentliches Employer Branding nutzt.

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So, die Katze ist seit einigen Tagen aus dem Sack. Klar – Absender war ein Unternehmen, das wohl händeringend nach IT-Fachkräften sucht und sich das auch einiges kosten lassen kann. Doch mit dem Unternehmen, das letzten Endes hinter der #taketheexit Kampagne steckte, hat wohl kaum jemand gerechnet: Die METRO AG. Oder besser gesagt, das Spin-off METRO-NOM, unter dem die IT-Sparte der METRO ab Mai firmiert.

Das Resultat der Kampagne? Eine Menge Aufmerksamkeit. Doch der Preis dafür war, die Start-up Szene (im Sinne von: der Bundesverband Deutsche Start-up) zu verärgern, da sie in der Kampagne ziemlich schlecht wegkommt. Hinzu kommt die Enttäuschung, dass der Absender ein deutscher Konzern war, was die Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Konzernen nicht gerade einfacher machen könnte.

Diese Kritik und Verärgerung war vorprogrammiert, aber so war den Machern von #taketheexit (übrigens die Tropen Markenwelten GmbH aus Berlin) die Aufmerksamkeit aller sicher. Und mal ehrlich, die betreffenden Slogans waren ja nun schon so überzogen, dass eigentlich klar sein sollte, dass da eine Menge Humor hinter steckt und nicht etwa eine böse Absicht. Nett ist das nicht, aber die Start-up Szene hat durchaus das Vermögen, diese Slogans und nicht ganz so kleinen Neckereien zu widerlegen.

Conclusion Nummer 2: Ich finde noch immer, dass die Kampagne durchaus gelungen ist. Sie hat das erreicht, was sie erreichen wollte: Aufmerksamkeit der Branche. Interessieren würde mich, wie viele Mitarbeiter darüber gefunden werden, aber ich denke, dass es so einige gibt, die sich ohne diese Guerilla-Aktion nicht bei METRO-NOM beworben hätten. Um sich von dem verstaubten Bild eines Lebensmittel-Großkonzerns zu lösen war das der richtige Weg. Also – Daumen hoch für diese Aktion, die die Spinnweben am Konzern-Image zumindest etwas beseitigt hat.

Bildquellen: Screenshots von taketheexit.de und metronom.com

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