Ein Toast auf die Toastmasters

Toastmasters

Hast du schon von den Toastmasters gehört? Ich selbst habe erst vor ein paar Monaten in einem Buch darüber gelesen und war von dieser Idee direkt begeistert. Die Toastmasters sind ein Club, indem freies Sprechen vor Gruppen geübt wird. Man kann dort Ängste überwinden und an seiner Selbstsicherheit, Ausdrucksstärke und Kommunikation arbeiten. Also alles Aspekte, die man als Selfpreneur sehr gern ausbauen möchte. Ich habe die Toastmasters (in Wiesbaden) besucht und möchte diese gerne vorstellen: Wie läuft ein Abend ab, was waren meine Beweggründe und inwieweit hat es mir geholfen?

Toast… was?

Toastmasters International wurde 1924 von Ralph Smedley in den USA als Non-Profit-Organisation gegründet, die das öffentliche Reden, die effektive Kommunikation als auch eine korrekte Menschenführung vermitteln möchte. Derzeit gibt es rund 16.400 Clubs in 141 Ländern mit ungefähr 352.000 Mitgliedern. In folgendem offiziellem Video könnt ihr euch ein Bild machen, was bisherige Teilnehmer über die Toastmasters denken:

Logo der Toastmasters

Meine Motivation ist die Angst

Ich gestehe, dass ich in meinem Leben leider eine große Angst besitze: Das Sprechen vor größeren Gruppen. Wenn man mit mir redet, würde man das vermutlich nicht glauben, aber ich habe damit wirklich ein Problem. Nicht erst seit heute, sondern schon seit den ersten Referaten in der Schule. Allein bei der Vorstellung vor einer Gruppe zu sprechen, stehen mir die Schweißperlen auf der Stirn und mein Herz rast wie verrückt. Ich kann dann kaum noch einen klaren Gedanken fassen und stammel nur rum. Das ist eine große Belastung für mich, aber als Selfpreneur möchte ich das nun endlich in den Griff bekommen, denn ich möchte in Zukunft Menschen überzeugen können. Tatsächlich ist es auf meinem Weg schon wesentlich besser geworden, aber so richtig angenehm fühlt sich das Sprechen vor Gruppe immer noch nicht an.

Nun habe ich verstanden, dass es wohl nicht nur mir so geht und dass das öffentliche Sprechen wie ein Muskel funktioniert: Man muss es trainieren und dann wird es stetig besser. Das funktioniert allerdings nur mit andauernder Übung, Übung und nochmals Übung. Aber wie genau kann man das denn üben?

Reden lernt man nur durch reden.
Cicero

Natürlich wie bei all den anderen Dingen auch: Indem man es einfach macht und sich seiner Angst stellt! Also bin ich ins kalte Wasser gesprungen und am 1. Mittwochabend im März 2018 zu den Toastmasters in Wiesbaden gegangen.

Der erste Kontakt

Per Mail habe ich vorher abgeklärt, ob und wann ich den Club besuchen kann. Der Clubvorsitzende Frank Lenßen antwortete mir freundlich, dass ich zu jedem Treffen einfach vorbeikommen könne. In Wiesbaden trifft man sich regelmäßig am 1. und 3. Mittwoch des Monats. Nachdem ich ein paar Treffen verstreichen lassen musste (vielleicht habe ich mich auch gedrückt), hat es bei mir terminlich am 7. März endlich gepasst. Die Gruppe stand pünktlich 19:15 Uhr (Beginn 19:30 Uhr) vor dem Hilde-Müller-Haus in Wiesbaden und ich schloss mich an, als gerade aufgeschlossen wurde. Nach Umbau des Raumes (die Tische und Stühle wurden in einer U-Form aufgestellt) ging es pünktlich mit einer freundlichen Begrüßung durch den Vize-Präsidenten namens Bernd los. Insgesamt waren wir 13 Personen, wobei 5 davon Gäste waren. Durch den Abend führte uns sehr souverän Carina, welche die Moderatorenrolle (der sogenannte Toastmaster des Abends) im Vorfeld übernommen hatte. Am Ende des Abends gab sie zu, dass sie etwas aufgeregt war, dies spürte man aber während des ganzen Abends nicht. Jael übernahm auf eine sehr charmante und auch humorvolle Art die Zeitnahme und Thilo zählte diese verdammten „Ähs“ und „Ehms“, die immer rausrutschen – offensichtlich auch bei sehr geübten Rednern.

Die ersten Reden

Nach der Begrüßung durch Bernd und Carina war es an der Zeit, die ersten Reden zu hören.

Andreas erklärte uns, wie man erfolgreich verhandelt. Er tat dies sehr ausführlich und sehr ausdrucksstark. Dabei stand er einen Großteil der Zeit direkt in dem aufgebauten Tisch-U und damit sehr nah am Publikum. Das machte Eindruck!

Zur Erklärung: Bei den Toastmasters gibt es 10 verschiedene Redeprojekte, die aufeinander aufbauen. Andreas präsentierte an diesem Abend Redeprojekt Nummer 5:
„Reden, um zu informieren – Das abstrakte Konzept“. Daran sieht man dann auch schon, dass er ein fortgeschrittener Redner ist.

Im Anschluss war Philipp an der Reihe und erklärte in seinem ersten Redeprojekt –
„Kompetente Kommunikation – Der Eisbrecher“ – recht souverän, dass er die Musik als Leidenschaft in seinem Herzen trägt und mittels der Toastmasters auch sein Lampenfieber in den Griff bekommen möchte. Eine beeindruckende Rede, die mich sehr berührt hat. Danach wurden beide Reden durch unterschiedliche Personen äußerst konstruktiv bewertet und es gab immer Applaus, damit sich jeder Redner im Anschluss direkt geehrt fühlt und die Nervosität gesenkt wird – eine tolle Sache!

Was sind Stegreifreden?

Nach den Reden, stellte Carina den weiteren Punkt des Abends vor: die sogenannten Stegreifreden.

Ein für mich neues Konzept, das man allerdings tatsächlich aus dem Alltag kennt. Denn eine Stegreifrede ist nichts anderes als eine kurze Rede zu einem bestimmten Thema. Beispielsweise soll man ein paar Worte auf der Geburtstagsfeier der lieben Oma sagen oder dem Kollegen zur Beförderung gratulieren. Das Heimtückische an diesen Reden ist die Tatsache, dass oft keine Zeit zur Vorbereitung bleibt. Während man nun also bei einer normalen Rede die Nervosität etwas in den Griff bekommen kann, indem man sich ordentlich vorbereitet, wird man bei einer Stegreifrede ins kalte Wasser geworfen. Das schockiert, andererseits muss man es dann halt auch einfach durchziehen!

Lust selber eine Stegreifrede zu halten?

Auch in deiner Nähe ist sicher ein Club – schnupper doch einfach mal unverbindlich rein!

Und Action! Der Sprung ins kalte Wasser

Nachdem ein bestehendes Mitglied eine tolle Rede zum 80. Geburtstag seiner Oma gehalten hatte, sprach mich Carina direkt an, ob ich Lust hätte auch eine Stegreifrede auszuprobieren. Ich müsse selbstverständlich nicht, aber es wäre ein super Training und es könne ja nichts passieren. Da konnte ich natürlich nicht widersprechen und stand (unter Beifall) auf, während sie mir erklärte, dass ich meinen Chef verabschieden sollte, der die Firma verlässt. Zur Vorbereitung darf man einen Moment mit dem Rücken zum Publikum stehen und sich die Geschichte ausdenken. Für mich persönlich war das Thema etwas weit weg und ich dachte einfach nur: Augen zu und durch. Deswegen stammelte ich direkt – ohne große Vorbereitung – los und versuchte mir vorzustellen, wie mein aktueller Chef von mir verabschiedet wird. Und hoffte in diesem Moment, dass ich das niemals in der Realität machen muss.

Nach gefühlt einer halben Stunde (es war tatsächlich nur eine Minute, im Schnitt sollte eine Stegreifrede 1 – 2 Minuten dauern), tausenden „Ehms“ und „Ähs“, jeder Menge nervösen Blicken in das Publikum und merkwürdigem Gestammel, brach ich die Rede mit einem sehr unsauberen Ende ab. Weil mir die Schlussworte fehlten (in meinem Kopf war nur noch der Gedanke: „OMG, du machst dich hier ja voll zum Affen“), klatschte ich einfach in die Hände, um den imaginär entlassenen Chef zu feiern. Puh – zum Glück klatschten die anderen mit. Dann wollte ich schnell von der Bühne, aber Carina bat mich noch kurz zu bleiben, damit sie sich mit Handschlag bei mir bedanken konnte. Ein weiterer Grund war, dass man den Applaus vor der Menge aushalten solle.

Nach meiner Premiere wurden noch andere Gäste und auch Mitglieder gebeten, eine Rede zu halten. Alle machten das wunderbar und am Schluss gab es von Rolf eine umfassende Bewertung jeder einzelnen Stegreifrede. Als er anfing meine Bewertung zu verkünden, dachte ich schon: „Ohje, das wird hart“. Aber selbst bei mir fand er konstruktive Worte, weil er meine „sehr sonore Stimme“ toll und die Struktur der Rede angemessen zum Thema fand. Er hoffe sogar, dass er meine Stimme bald wieder hören könne!

Wie war mein Gefühl?

Ich habe mich den ganzen Abend über – auch während meiner eigenen nervösen Rede – sehr wohl gefühlt. Am Anfang wurden wir Gäste von Maria J. herzlich empfangen und mit selbstgeschriebenen Namensschildern ausgestattet. Nach der freien Platzwahl saß ich neben Markus, welcher direkt freundlich mit mir quatschte und sich erkundigte, wie ich auf die Toastmasters aufmerksam geworden bin. Er erzählte mir, dass es wohl nichts Besseres gibt, um Reden zu lernen und dass er total begeistert sei. Markus hat mich dann den ganzen Abend motiviert. Selbst nach meiner eher mittelmäßigen Performance machte er mir viel Mut: „Einfach weiter üben und dranbleiben, irgendwann macht das richtig Spaß“. Da er selbst im Laufe des Abends eine Rede halten konnte und dies so unglaublich charismatisch und professionell machte, wurde in mir ein Wille geweckt – das will ich auch können!

Die Stegreifrede war für mich das Highlight eines rundherum gelungen Abends. Ich dachte, ich kann mir das alles erst einmal anschauen und hatte keine Erwartung, selbst zu reden. Meine Rede war sicher auch nicht der Knaller und vielleicht sogar etwas amüsant, aber ich habe durch diesen Moment sehr viel gelernt – vor allem, dass ich so eine Rede besser können möchte. Meine Rede wurde ja auch sehr konstruktiv bewertet, wodurch ich jetzt nicht das Gefühl habe, dass es sinnlos wäre, weiter an dem Thema zu arbeiten.

Fazit des Abends

Im Großen und Ganzen war es ein sehr gelungener Abend, der mich viel gelehrt hat. Einerseits, dass andere Menschen ebenfalls großen Respekt vor dem freiem Reden haben, dass das alles gar nicht so schlimm ist, dass ich wohl eine sehr schöne Stimme habe (zumindest für Rolf :)) und dass es durch Übung immer besser wird. Auf der anderen Seite sehe ich meine Defizite und habe jetzt auch den Willen, daran was zu ändern!

Ich werde definitiv ein weiteres Mal hingehen (man kann sogar drei Mal kostenlos einem Treffen beiwohnen) und mir die Sache noch einmal anschauen, nachdem ich jetzt ja schon den ersten Schritt getan habe. Auch würde ich gern noch einmal eine Stegreifrede ausprobieren. Aber das reicht mir noch nicht. Um besser zu werden übe ich momentan regelmäßig daheim vor dem Spiegel oder im Auto oder wo es grad passt kleine Stegreifreden. Ich überlege mir ein Thema und versuche dann, dazu eine kleine Rede (laut gesprochen, nicht in Gedanken) zu halten. Das hilft mir schon sehr, ich merke wie es ständig besser wird. Die „Ehms“ und „Ähs“ verschwinden und es fühlt sich einfach nicht mehr komisch an. Ich bin gespannt, wie sich dieses Verhalten dann in der Realität auswirkt, wenn 15 oder mehr Augenpaare mich erwartungsvoll anschauen. Bei dem Gedanken werde ich nun irgendwie gar nicht mehr so nervös, wie noch vor dem Besuch der Toastmasters…

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