Das Leben ist zu kurz für später … oder?

Ich habe gerade das Buch “Das Leben ist zu kurz für später” zugeklappt. Ein Buch, in dem immer wieder die Frage gestellt wird: Wie würdest du entscheiden, wenn du nur noch ein Jahr zu leben hättest? Das etwas ausgelutschte und nicht mehr ernst genommene Klischee des “Carpe diem” und “Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter” wird in dem Buch quasi gelebt, nur eben mit einem Jahr und nicht einem Tag. Meine Gedanken zu dem Buch findet ihr hier im Artikel.

Was will ich im Leben?

Ein spontaner Bücherkauf hat mich zur stolzen Besitzerin von Alexandra Reinwarths “Das Leben ist zu kurz für später” gemacht. Dem vorangegangen war eine Unterhaltung darüber, was ich eigentlich erreichen will im Leben und irgendwie schwirrte dieser Gedanke noch in meinem Kopf herum, als ich mal wieder in der Bahnhofsbuchhandlung auf meinen Zug nach Hause wartete.
Was will ich im Leben? Warum mache ich eigentlich nicht einfach das, was ich will? Die Antwort auf alles ist eigentlich nur: Angst.
Was passiert, wenn das, was ich will am Ende doch nicht so toll ist? Was, wenn es nicht klappt? Was denken andere von mir, wenn ich auf einmal einen anderen Weg einschlage? Was wenn ich dann auch wieder da stehe und merke: Mist, das war doch nicht das Richtige? Was man halt so denkt, auf dem Nachhauseweg.

Da war ich dann, ein paar Minuten später, mit meinem neuen Buch in der Bahn und war schon auf Seite 40, bevor der Zug den Bahnhof verlassen hatte. Das liegt zum einen daran, dass ich recht schnell lese und der Zug getrödelt hat, aber auch daran, dass ich das Buch einfach unglaublich gut und kurzweilig geschrieben finde. Es ist vielleicht keine wissenschaftliche Abhandlung für den höchsten Intellekt, aber es ist ein Buch, das mich abgeholt und angesprochen hat.

Worum geht es in dem Buch eigentlich?

In dem Buch geht es darum, warum wir viele Dinge nicht tun, obwohl wir sie eigentlich gerne tun würden und da spielen genau die oben schon erwähnten Fragen eine Rolle. Wir haben Angst vor Ablehnung, denken viele Dinge sind peinlich, machen etwas aus falschem Stolz (oder machen es eben nicht, z.B. einem Freund zu sagen, dass man ihn vermisst oder verletzt ist, wenn er auf einmal viel Zeit mit einer anderen Person verbringt). Wir pflegen Freundschaften, obwohl uns die andere Person tierisch auf die Nerven geht und man irgendwie gar nicht mehr weiß, warum man überhaupt befreundet ist. Wir haben keine Zeit für die wichtigen Dinge im Leben (wie unsere Kinder, Eltern, generell Familie oder die richtigen Freunde), “müssen” erst etwas anderes machen, bevor wir das machen, was wir wirklich wollen – kann man ja immer noch später machen.

Wann hattest du das letzte Mal Herzklopfen?

Zwischen den Zeilen schreibt Alexandra Reinwarth dann immer mal wieder kleine Merkzettel:

“Notiz an mich selbst: Was ich nie gesagt habe, sagen.”

“Notiz an mich selbst: Mut haben, Wünsche offen zu kommunizieren. Schwächen und Unsicherheiten eingestehen. Keine gläsernen Mauern mehr. Mutig sein und Gefühl ausdrücken.”

Generell gesagt, machen wir viel zu viel von dem, was unser Kopf und unsere Vernunft uns sagt und zu wenig von dem, was unser Herz uns sagt. Wann hattest du das letzte Mal Herzklopfen, als du an deine Arbeit gedacht hast? Und zwar Herzklopfen, weil es aufregend und spannend ist und du weißt, dass es genau das ist, was du machen möchtest. Wann hast du das letzte Mal etwas “unvernünftiges” getan, weil dein Herz dir gesagt hat, es ist das Richtige? Wann bist du abends zum letzten Mal so richtig glücklich ins Bett gefallen und warum?Das Buch sagt dir nicht, schmeiß deinen Job hin, pfeif auf deine Bekannten und mach was du willst. Es sagt dir: Höre auf dein Herz.

Die ewigen Zweifler

Als ich einer Bekannten von dem Buch erzählen wollte und gesagt habe, wie spannend ich die Herangehensweise finde, darüber nachzudenken, wie man handeln würde wenn man “nur noch ein Jahr zu leben” hätte, hat sie mich kaum ausreden lassen. “Solchen Leuten habe ich den Zahn immer recht schnell gezogen”, war ihre Antwort. “Nicht jeder kann einfach seinen Job hinschmeißen, wie soll das denn gehen, wenn man gerade ein Haus gekauft hat oder eine Familie versorgen muss!”

Ich war etwas verdutzt über ihre Vehemenz, die Idee direkt so herunterzubuttern. Sie erzählte mir von Freunden, die durch ihren Job regelrecht krank wurden, aber ihn nicht kündigen, weil sie ja ihre Kredite abbezahlen müssten oder ähnliches. Was ist aber am Ende wichtiger? Deine Gesundheit oder ein großes, tolles Haus, in dem du nie bist, weil du zu viel arbeitest? Was ist deinen Kindern oder deiner Frau/deinem Mann wichtiger? Dass du Zeit mit ihnen verbringst oder dass man sich Dinge kaufen kann, die man eigentlich nicht wirklich braucht? Sie erzählte auch von einer Person, die ihren Job eigentlich nicht mag, aber jetzt zu alt ist, etwas anderes zu machen. Weil auf dem Arbeitsmarkt hat man es ab einem gewissen Alter sowieso schwerer, da kann man ja nichts dran ändern. Mich hat die Reaktion sehr nachdenklich gemacht.

Was, wenn ich mich mit Status Quo nicht abfinden will?

Bin ich zu naiv? Dass ich mehr will als einfach nur vor mich hinzuarbeiten, um “irgendwann mal” das machen zu können, was ich möchte? Dass ich im jetzt leben will und nicht im irgendwann? Ist meine Welt, die ich mir gestalten möchte, eine Utopie?

Es ist Tatsache, dass ältere Menschen es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben. Aber Frauen im gebärfähigen Alter auch. Und Berufsanfänger ohne Erfahrung. Und die Mittelalten, die eigentlich mehr Weiterbildung benötigen würden auch. Bestimmte Berufsgruppen haben es einfacher als andere. Manche können von ihrer Vollzeitstelle nicht leben. Ja, das ist Tatsache. Und ja, das ist nicht in Ordnung so.

Aber heißt das, dass man sich damit abfinden muss?

Wenn ich einmal in dem Alter bin, dass ich auf mein Leben zurückblicke, möchte ich nicht die einzelnen Lichtblicke, die einzeln verteilten wenigen Momente sehen. Ich möchte mein “gesamtes Leben” sehen und zufrieden damit sein. Ich möchte sehen, dass ich meiner Angst zum Trotz auf mein Herz gehört habe. Dass ich hingefallen bin und wieder aufgestanden bin. Dass ich Türen geschlossen und andere geöffnet habe. Dass der Weg, den ich gegangen bin meiner war, mit Menschen an meiner Seite, die mir wirklich etwas bedeuten und denen ich im Gegenzug auch wirklich etwas bedeute.

Hör zu, wenn dein Herz spricht

We all have two lives. The second one begins when you realize you only have one.

Ich möchte wissen, ich habe auf mein Innerstes gehört, meinem Herzen gelauscht. Ich weiß, es ist nicht einfach. Mein Kopf übertönt oft mein Herz, sodass ich es manchmal nicht einmal wahrnehme. Ein Fazit aus dem Buch zu ziehen fällt mir nicht leicht. Es ist ja nun einmal doch so, dass ich oft denke “ok, das geht jetzt halt nicht so”. Aber ich werde mir in Zukunft vor Entscheidungen öfter einmal die Frage stellen: “Was würde ich tun wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte?”

unsplash-logoTanja Heffner

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